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Der Tiroler Lech ist die letzte große Wildflusslandschaft des Nordalpenraums, in der noch alle für Alpenflüsse typischen Arten und Lebensgemeinschaften vorkommen. Auf rund 65 Kilometern verläuft er vom Quellgebiet bei Lech bis nach Füssen. Im Oberlauf überwiegt auf Grund des starken Gefälles die Erosion und es bildet sich ein gestrecktes Gerinne aus. Ab Häselgehr nimmt das Gefälle ab und der Fluss geht in einen verzweigten Flusslauf über, da Erosion und Akkumulation von Feststoffen in einem Fließgleichgewicht sind. Aufgrund seiner auf weiten Strecken noch naturnahen Strukturen wurde der Tiroler Lech gemeinsam mit seinen Seitenzubringern zum Natura 2000-Gebiet erklärt, und im Jahr 2004 zum Naturpark Tiroler Lech ausgewiesen. Seine Größe, Ausformung und die zahlreichen Lebensräume und Arten, die er beherbergt, machen ihn zu einem der bedeutendsten Wildflussgebiete in ganz Europa.
Artenvielfalt
Aufgrund seiner geographischen Lage ist die Biodiversität am Lech besonders vielfältig ausgeprägt und erweckte bereits seit dem neunzehnten Jahrhundert die Aufmerksamkeit der Feldforschung. Heute wachsen ein Drittel aller in Tirol heimischen Pflanzen im Naturpark Tiroler Lech. Davon ist wiederum ein Drittel als sehr wertvoll oder gefährdet eingestuft. Zu verdanken ist die hohe Arten-Vielfalt am Lech vor allem seiner Funktion als nacheiszeitlicher Verbindungskorridor zwischen den Kalklebensräumen der Alpen und des Schwäbischen Juras (Biotopbrücke Lechtal) Auf frisch angelegten Kiesbänken findet sich noch die typische Vegetationsabfolge eines hochdynamischen verzweigten Alpenflusses mit Knorpelsalat, Purpurweide, Lavendelweide und Beständen der Deutschen Tamariske, die in reifere Auwälder mit Grauerle und Kiefernwälder als letzte Glied der Auensukzession übergeht Bei Weißenbach und oberhalb davon beherbergt der Lech alpenweit die größte durch Wiederansiedlung gestützte Population des Zwergrohrkolbens.
Ebenso vielfältig ist die Tierwelt am Tiroler Lech. Hier finden von rund 150 in Tirol heimischen Brutvogelarten rund 110 ihre charakteristischen Lebensräume. So machen bedeutende Bestände des Gänsesägers, Flussuferläufers, Flussregenpfeifers, Berglaubsängers und viele weitere Vogelarten das Tiroler Lechtal zu einer „Important Bird Area“. Es ist aber auch Heimat der Sibirischen Azurjungfer, die europaweit aktuell nur noch in Tirol vorkommt. Als bedeutend ist auch das Vorkommen[LR1] der Gefleckten Schnarrschrecke hervorzuheben, die eines ihrer wichtigsten Reliktvorkommen in Europa am Oberen Lech hat. Eine weitere Besonderheit des Lechtals ist die Kreuzkröte, die in Österreich sonst nur noch im Waldviertel vorkommt. Und auch die Koppe, die kühle und schnell fließende Gewässer mit steinigem Grund benötigt, findet hier gute Lebensbedingungen, ebenso wie der Steinkrebs und die Flussuferwolfsspinne.
Flussausbau
Nachdem ein Katastrophenereignis 1910 weite Teile des Talbodens verwüstet hatte, begann auch für den Tiroler Lech die Zeit der Regulierung. Um die Abfuhr der Geröllmassen zu verbessern und Land für Siedlungen und landwirtschaftliche Flächen zu gewinnen, wurden weite Strecken des Lechs nach dem damaligen Stand der Technik verbaut. Diese Wasserbauten prägen noch heute in einigen Abschnitten das Bild der Flusslandschaften. Darüber hinaus wurden um 1960 an Seitenzubringern Geschiebesperren errichtet, die Steine und Geröll zurückhalten sollten. In Folge kam es zur Eintiefung der Flusssohle und einer Absenkung des Grundwasserspiegels, abschnittsweise um mehr als einen Meter. Die Spezialisten unter den Tieren und Pflanzen der Wildflusslandschaft, die auf offene, dynamisch geprägte Standorte und wiederkehrende Überflutungen angewiesen sind, verloren dadurch einen Teil ihres Lebensraums. Aufgrund der Planung zum energiewirtschaflichen Ausbau des Tiroler Lechs begann man ab den 1980er Jahren mit einer umfassenden Bestandsaufnahme zu verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen mit Fokus auf ökologische, naturschutzfachliche und energiewirtschaftlich Aspekte. Mit der Beauftragung der sogenannten “Lechtalstudie” durch die Tiroler Landesregierung im Jahr 1996 erfuhren systematische naturwissenschaftliche und gesellschaftspolitische Untersuchungen zur Ökologie alpiner Wildflusslandschaften einen ersten Aufschwung und verhinderten den energiewirtschaftlichen Ausbau.
Unterschutzstellung
Aus der ursprünglichen Idee für die Errichtung eines Nationalparks erfolgte im Jahr 2000 schließlich die Ausweisung einer 41 km2 großen Fläche zum Natura 2000-Gebiet. Vier Jahre später wurde das Tiroler Lechtal schließlich als Naturschutzgebiet mit dem Prädikat Naturpark ausgezeichnet. Seit 2006 kümmert sich der Verein Naturpark Tiroler Lech um Naturschutz, Forschung, Bildung, Erholung und Regionalentwicklung im Schutzgebiet. In enger Zusammenarbeit zwischen Region, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik wurde im Lechtal so eine gemeinsame Entwicklung dieses wertvollen Naturraumes mit dem Ziel eingeleitet, das Flusssystem einschließlich seines Einzugsgebiets als eine der letzten großen Wildflusslandschaften in Europa zu erhalten.
Mit den beiden LIFE-Projekten Life Lech 1 (2001 bis 2007) und Life Lech 2 (2016 bis 2022) wurden umfassende Renaturierungsmaßnahmen am und um den Fluss herum im Wert von mehr als 14 Millionen Euro umgesetzt. Auf diese Weise konnten die naturnahen Bereiche am Lech deutlich vergrößert werden, sodass der Fluss heute die größten zusammenhängenden Umlagerungsstrecken im Nordalpenraum aufweist.

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Herausstellungsmerkmal
Die großen Errungenschaften der vergangenen 20 Jahre haben den Tiroler Lech zu einem Vorzeige-Gewässer für erfolgreiche Renaturierungen gemacht. Nun geht es darum, die weitere Entwicklung des Lechs umfassend zu begleiten und die bereits gewonnenen Erfahrungen und Kenntnisse zu archivieren und auf andere Flüsse zu transferieren. Denn auch wenn frühere Daten-Sammlungen, etwa in Form der Lechtalstudie und Folge-Studien, als interdisziplinäre Vorhaben initiiert wurden, kam es nie zu einer Zusammenfassung der Ergebnisse, die teilweise nur noch als Einzelstudien in öffentlichen und privaten Archiven vorliegen, die für Wissenschaft oder Öffentlichkeit nur bedingt zugänglich sind.
Bis zum heutigen Tag - fehlen systematische wissenschaftliche Analysen über langfristige Veränderungen der Flusslandschaft, der Wirkungen von Renaturierungen auf flusstypische Arten, Biozönosen und deren Lebensräume, sowie über regionale und gesellschaftspolitische Veränderungen in den letzten 40 Jahren. Auch Hochschulen nutzen die besondere Situation des Lechs für Lehre und Forschung nur selten.
Ein umfassender, grenzüberschreitender Wissenstransfer aus der Modellregion des Tiroler Lechs hat bisher nicht stattgefunden. Mit der Gründung der Gesellschaft Lechforschung2050+ soll diese Lücke nun geschlossen werden. Mit seinem Fokus auf Feldforschung, Wissensaustausch, Kooperationen und Datensammlung soll das Wissen über den Lech und seine Entwicklung, das über viele Jahre gesammelt wurde, nun mit neuen Kenntnissen ergänzt werden, damit auch andere Flüsse und Regionen von den Erfahrungswerten im erfolgreichen Gewässerschutz profitieren können.